Viele Unternehmer entscheiden sich anfangs aus der Not für die Selbstständigkeit -und haben als Firmenchefs Erfolg.
Anfang des Jahres verlor Katrin Weißkopf ihren Arbeitsplatz: Ihr Brötchengeber ist in Konkurs gegangen. Diese Krise als Chance zu sehen und zu nutzen, mit diesem Gedanken musste sich die Berliner Betriebswirtin erst anfreunden lernen. Zwei Jahre war sie bei der Sport- und Wellnessclub-Kette im Marketing tätig gewesen. Zuvor hatte Katrin Weißkopf vier Jahre in der Zentrale eines Tourismusunternehmens gearbeitet -immer im Angestelltenverhältnis. Sich selbstständig zu machen war bis zu ihrer Entlassung vor ein paar Monaten kein Thema gewesen, die Sicherheit im Job ging ihr immer vor. Doch dann kam eins zum anderen: Ehemalige Geschäftspartner boten Weißkopf an, auf freier Basis mit ihr zusammenzuarbeiten. "Durch diese Kontakte hatte ich das Gefühl, nicht komplett von vorne anfangen zu müssen", sagt die 30-Jährige. So reifte schließlich ihr Businessplan heran. Ihre Idee: "Ich unterstütze kleine und mittelständische Firmen aus der Gesundheitsbranche, die nicht das nötige Budget haben, extra für die Bereiche Marketing und Kommunikation Fachleute einzustellen, aber auch nicht die Zeit finden, sich als Geschäftsführung selbst darum zu kümmern". Krisenzeit ist Gründerzeit
Katrin Weißkopfs Projekt ist eines von vielen Start-ups der vergangenen zwölf Monate -und damit Ausdruck einer insgesamt erhöhten Gründungsaktivität: Während der Wirtschaftskrise hat die Zahl der Selbstständigen in Deutschland zugenommen, wie der aktuelle Gründungsmonitor der KfW-Bankengruppe zeigt. 2009 gründeten demnach rund 872000 Menschen ein eigenes Unternehmen. Das sind knapp zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Nach dem Abwärtstrend in den Jahren 2004 bis 2008 ist somit erstmals wieder ein Anstieg der Existenzgründungen zu verzeichnen. Die KfW nennt den Konjunktureinbruch und die verschlechterten Arbeitsmarktchancen für abhängig Beschäftigte als Ursachen dafür, dass mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit und so genannte Gründungen aus der Not wagen.
Ein weiteres Ergebnis der KfW-Studie: Jeder fünfte Gründer war arbeitslos, bevor er sich eigenhändig eine Existenz aufbaute. Um Arbeitssuchenden dies zu erleichtern, fördert die Bundesagentur für Arbeit die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit mit dem so genannten Gründungszuschuss: Empfänger von Arbeitslosengeld I erhalten für neun Monate ihre gewohnten Zahlungen und zusätzliche 300 Euro als Starthilfe für die neue Firma. Im vergangenen Jahr wurden 137108 solcher Gründungszuschüsse bewilligt -das ist gegenüber 2008 ein Anstieg von rund 15 Prozent. In Berlin wuchs die Zahl der Geförderten mit 16 Prozent sogar etwas stärker als im Bundesdurchschnitt. 7200 Neuzugänge wurden hier gezählt.
Voraussetzung dafür, eine staatliche Starthilfe zu erhalten, ist ein Businessplan, den fachkundige Stellen, Fachverbände oder Industrie- und Handelskammern (IHK) zum Beispiel auf die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells hin prüfen. Um hier bereits zu überzeugen, empfiehlt es sich, im Vorfeld bereits Beratung einzuholen -am besten von Branchenkennern, die das Projekt nach Marktlage und finanziellem Risiko exakt einschätzen können.
Auch Katrin Weißkopf setzte auf den fachmännischen Rat der örtlichen IHK, des Bundesministeriums für Wirtschaft und eines Steuerberaters: "Mir hat das geholfen, meine Geschäftsidee in einem Businessplan zusammenzufassen und eine professionelle Wirtschaftlichkeitsrechnung zu erstellen." Vorab sollten zudem auch der zeitliche und finanzielle Aufwand sowie die zu erwartenden Umsätze klar definiert sein, merkt sie an.
Sparmaßnahmen beim Gründerzuschuss?
Viel Zeit bleibt den bezuschussten Gründern nicht, um im ersten Dreivierteljahr ihrer Selbstständigkeit ihre Geschäftstüchtigkeit unter Beweis zu stellen. Daher gewährt die Agentur für Arbeit für ein weiteres halbes Jahr 300 Euro monatlich zur sozialen Absicherung der jungen Firmenchefs. Dies ist jedoch keine Pflichtleistung, die gewährt werden muss, sobald die Voraussetzungen erfüllt sind, sondern eine so genannte Ermessensleistung. Das Sozialgesetzbuch III schreibt vor, dass "eine intensive Geschäftstätigkeit und hauptberufliche unternehmerische Aktivitäten dargelegt werden" müsen. Das kann jedoch bedeuten, dass Gründer, die nur geringe Einnahmen erzielen, die insgesamt 1800 Euro oft nicht erhalten.
Ohnehin könnte die Vergabe der Gründungsförderung in Zukunft deutlich strikter gehandhabt werden: Bei der Arbeitslosenförderung will die Bundesregierung im kommenden Jahr zwei Milliarden Euro einsparen. Kürzungen im Rahmen dieses Sparpakets könnten auch den Gründungszuschuss treffen: Denn die Kosten allein dafür schlugen im vergangenen Jahr mit 1,6 Milliarden Euro zu Buche.
Katrin Weißkopf bezieht ihre finanzielle Starthilfe noch bis Ende dieses Jahres. Etwaige Einsparungen beim Gründerzuschuss sieht sie kritisch: "Damit würde all denjenigen, die kein finanzielles Polster haben, die Chance auf eine Existenzgründung erschwert, im schlimmsten Fall sogar verwehrt werden." Auch sie hätte ohne den Gründungszuschuss den Schritt in die Selbstständigkeit nicht so schnell gewagt. Denn die Existenzgründung birgt Risiken: Nicht immer geht das Konzept auf. Laut KfW ist jede vierte Gründung nach spätestens drei Jahren nicht mehr auf dem Markt.
Verflixtes drittes Jahr
Diese kritische Zeit hat Claudia Markhof bereits hinter sich: Vor sechs Jahren sattelte sie von der Produktmanagerin zur Heimwerkerin um. "Zu Beginn war unser Geschäft in der Dieffenbachstraße in Kreuzberg noch recht leer", sagt die 38-jährige Betriebswirtin, die damals Überbrückungsgeld von der Arbeitsagentur erhielt. Kein Wunder, denn sämtliche Produkte haben sie und ihr Partner Johannes Adler selbst gemacht -ob Taschen, Hängeregale aus recycelten Pflaumenkisten oder zu Vasen umfunktionierte Orangina-Flaschen. Nach drei Jahren eröffneten die Existenzgründer einen zweiten "Jean et Lili"-Laden, diesmal in Prenzlauer Berg. Inzwischen sind zwölf Heimwerker im Einsatz. Dabei soll es nicht bleiben: "Mein Traum ist ein Kaufhaus mit einem noch größeren Sortiment", erzählt Claudia Markhof und ihre Augen funkeln. Sie hat sich viel vorgenommen -zurzeit bei einer 72-Stunden-Woche. Die Selbstständigkeit koste viel Kraft, gibt sie zu, sei aber auch sehr erfüllend. "Egal, ob Fahrschule, Blumenladen oder Einrichtungsgeschäft, um als Gründer erfolgreich zu sein, brauchst du eigentlich nur eins: ganz viel Herzblut für deine Idee", gibt sie Gründungswilligen mit auf den Weg.
Gründungsverhalten - Mehr Existenzgründungen
Erstmals seit sechs Jahren haben wieder mehr Menschen in Deutschland den Schritt in die Selbstständigkeit, sei es im Voll- oder Nebenerwerb, gewagt. Insgesamt ging die Zahl der Gründer um zehn Prozent nach oben. Besonders stark ist 2009 speziell die Zahl der Vollerwerbsgründer gestiegen -um 67 000. Das entspricht einem Plus von 20 Prozent. Die meisten frischgebackenen Firmenchefs sind im Dienstleistungssektor tätig. Dies teilt die KfW in ihrem aktuellen Gründungsmonitor mit. 50 000 Personen wurden dafür befragt. Der Gründungsmonitor ist auf der Homepage der KfW-Bank im Internet einsehbar.
www.kfw.de
Wenig Gründerinnen
Frauen sind im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil und auch zu ihrem Anteil an den Erwerbstätigen mit 38 Prozent im Gründungsgeschehen stark unterrepräsentiert.
Klein- und Kleinstgründungen
2009 entstanden 70 Prozent aller neuen Unternehmen mithilfe externer Finanzmittel. 75 Prozent der Gründer, die einen Kredit als Anschubfinanzierung brauchen, bleiben unter dem so genannten Mikrobedarf von 25 000 Euro. 60 Prozent liegen sogar unter 5 000 Euro. Das Gros der Projekte sind somit Klein- und Kleinstgründungen.
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